Heute, am Samstag, dem 7. November, steht Wien ein bisschen Kopf. Zum ersten Mal gibt es den stadtweiten „Tag der Wiener Würstelstände“. 22 Standln machen mit, und der veranstaltende Verein schickt Hungrige auf eine Rallye: sechs Stände, sechs Stempel, eine Medaille. Ein besserer Anlass, über Wiens liebstes Stehlokal zu schreiben, findet sich kaum.

Vom Bratelbrater zur Frankfurter

Die Geschichte beginnt auf der Straße und nicht an einem festen Platz. Schon im 17. Jahrhundert verkauften ambulante Händler Warmes: die Bratelbrater mit gebratenem Fleisch, später die Salamudschi. Die UNESCO-Beschreibung nennt dagegen den Beginn des 18. Jahrhunderts als Ursprung. Einig sind sich die Quellen darin, dass die Stände oft Kriegsversehrten ein Einkommen sicherten, ähnlich wie die Trafiken.

Dann kam die Wurst, die sich so gut zum Mitnehmen eignete. 1805 erfand Johann Georg Lahner die Frankfurter, und im 19. Jahrhundert zog der „Würstelmann“ mit Handkessel oder Wagen durch die Gassen. Das Nachtgeschäft galt dabei als das lukrativere, weil kaum jemand sonst offen hatte.

Fest stehen durften die Stände lange nicht. Bis 1969 waren nur mobile Stände erlaubt, die nach Betriebsschluss ihren Platz räumen mussten. Erst danach entstand der Würstelstand, wie wir ihn heute kennen. 2024 nahm die UNESCO die „Wiener Würstelstandkultur“ ins nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf. Neben dem Essen würdigt sie auch den Wiener Schmäh und das eigene Vokabular rund um Wurst und Getränke.

Ein Standl voller Stammgäste – und Prominenz

Der Reiz des Würstelstands liegt im Nebeneinander. Man isst Seite an Seite, Hackler neben Manager. Josef Bitzinger, dem das Standl bei der Albertina gehört, nennt das die „Demokratie am Würstelstand“. Am Opernball steht dort das Publikum in Frack und Ballkleid für Käsekrainer und Bier an. Als Bitzinger die Prominenz aufzählte, nannte er Helene Fischer und Dagmar Koller. Ein Lokalführer erwähnt außerdem Mick Jagger. Zum zehnjährigen Jubiläum feierten Dompfarrer Toni Faber und der künftige Bürgermeister Michael Ludwig mit. Statt Torte gab es Leberkäse in Gugelhupf-Form.

Die berühmteste Anekdote gehört aber dem Würstelstand LEO am Döblinger Gürtel. Dort stand ab 1952 Verkäufer Fritz Wilfing, 25 Jahre lang sechs Nächte pro Woche. Er begrüßte seine Gäste immer mit „Servus mein Freund!“. Bundeskanzler Bruno Kreisky schaute nach Festbanketten vorbei und trug sich ins Stammbuch ein:

„Besser als vor Stunden beim Festbankett, schmeckt mir jetzt Die Heiße beim Würstelstand.“

Wo es am besten schmeckt

Bitzinger bei der Albertina

Das Standl neben der Staatsoper trägt als Wahrzeichen einen überdimensionalen Hasen auf dem Dach, der Dürers berühmtem Werk in der benachbarten Albertina nachempfunden ist. Empfohlen werden Sacherwürstel und Wiener Käsekrainer, und auch ein Glas Champagner ist hier nicht ungewöhnlich. Bitzinger teilte sich bei der ersten Falstaff-Prämierung mit dem „Wiener Würstelstand“ in der Pfeilgasse den ersten Platz, beide mit 96 von 100 Punkten. Damals bewertete die Community 113 Stände im ganzen Land, 94 davon in Wien. (Anm.: Der Stand heißt Bitzinger, nicht Pitzinger.)

Zum scharfen René am Schwarzenbergplatz

René Kachlir kommt aus dem Bristol und gilt als Gourmet unter den Würstlern. Seine Würste lässt er nach eigener Rezeptur anfertigen und siedet sie in Rindsuppe. Die Käsekrainer enthält Zillertaler Bergemmentaler, dazu gibt es eine selbstgemachte Currysauce und handeingelegte Öl-Pfefferoni. Das Chiliangebot ist eines der schärfsten der Stadt. Falstaff ehrte Kachlir als „Botschafter des Jahres“. Geöffnet ist laut Wien Tourismus Montag bis Freitag von 11 bis 19 Uhr.

Peters Treff an der Alten Donau

Ein ganz anderes Kapitel schlägt Peters Treff im Donaupark beim Sparefroh Spielplatz auf. Hier gibt es keine Gourmetversprechen, dafür Frankfurter, Bratwurst und Hotdogs und eine Umgebung zum Entspannen, wie Gäste schreiben. Peter hat viele Stammgäste und für jeden ein Lächeln. Seine Produkte sind top, denn er liebt selbst nur das Beste.

Leo, Pfeilgasse und die Neuen

Der LEO (gegründet 1928) ist der älteste noch bestehende Stand Wiens und hat eine lange Speisekarte. Berühmt ist die „Big Mama“, eine Käsekrainer mit 500 Gramm. Die Betreiberin Vera Tondl erhielt von Falstaff den Preis fürs Lebenswerk. Der „Wiener Würstelstand“ in der Pfeilgasse wiederum setzt auf Bio und wurde mit dem Gütesiegel „Natürlich gut essen“ ausgezeichnet. Bei „Alles Wurscht“ am Börseplatz steht mit Sebastian Neuschler ein gelernter Haubenkoch am Standl. Er serviert Bosna und Käsekrainer, dazu gibt es gutes Bier und Wein.

Die Top 20 der Wiener Würstelstände

Für das Falstaff-Voting 2024 stimmte die Community über die beliebtesten Stände ab. Das Ergebnis, ohne Gewähr auf Aktualität:

  • Zur Bosnarei (1180)
  • Extra Würstel (1020)
  • Der 49er Würstelstand (1140)
  • Mat’s Würstelstand (1020)
  • Alles Wurscht (1010)
  • Zum scharfen Rene (1010)
  • Maurer Würstelstand (1230)
  • Bitzinger Albertina (1010)
  • Eh scho wuascht, Zentralfriedhof (1110)
  • Zum Kleinen Sacher (1030)
  • Wiener Würstelstand Pfeilgasse (1080)
  • Speisekammer, Urban-Loritz-Platz (1070)
  • Hoher Markt (1010)
  • Kaiserzeit (1020)
  • Würstelstand Leo (1090)
  • Würstelstand beim Stadion (1020)
  • Würstelstand zum Fraunz (1220)
  • Wiener Würstelstand Spittelau (1090)
  • Wiener Würstl (1010)
  • Hermann’s Würstelstand (1070)

Die Klassiker – und die Zukunft

Bestellt wird, was Wien liebt: Käsekrainer, Debreziner, Burenwurst, Frankfurter, Bosna oder Leberkäse. Die Käsekrainer ist laut Falstaff die beliebteste Sorte der Stadt, auch wenn man um ihre Urheberschaft heftig streitet. Neu dazugekommen sind Hotdogs, Currywurst und Varianten ohne Schweinefleisch oder ganz ohne Fleisch.

Die Lage ist trotzdem ernst. Bis 2010 gab es noch rund 500 Würstelstände in Wien, heute sind es nur noch etwa 120. Gerade deshalb sind Aktionstag und Kulturerbe-Status wichtig. Heute lohnt sich also ein Stempel-Spaziergang, und an jedem anderen Tag reicht ein einziges Standl auf dem Heimweg. Dort gilt weiter, was Bitzinger sagt: Am Würstelstand sind alle Menschen gleich.

Quellen: www.unesco.at, www.geschichtewiki.wien.gv.at, www.heute.at, www.falstaff.com, www.falstaff.com, www.oe24.at, www.falstaff.com, www.falstaff.com